Illustration: Mone Beeck

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Kolumne: Vera und Manfred

Blutgrätsche

Schon als Jens, Kampfname „Rubbo“, angerauscht kam, war klar: Das kann nicht gut gehen. Wilder Blick, grobe Motorik, 92 Kilo ungebremst: Wenn er gegen die alten Herren von den Sportfreunden Rhauderfehn so zu Werke geht, soll’s mir ja recht sein – aber im Training? Mario, unser Zehner und Trainer, hat ihm das oft gesagt. Aber jetzt war’s zu spät, die Kollision unvermeidlich, und Jens schaute mit bedröppelter Visage auf mich herunter. „Das Kniiieeee“, jammerte ich und wurde sofort zum Doc gefahren. Erst Kernspin, dann die kühl vorgetragene Diagnose: „Bänderdehnung, Kompressionsverband, Bein hochlagern, vier Wochen Pause mit Fußball.“

Veras Blick war auch nicht gerade Balsam für meine Wunden, als Jens mir zu Hause erst aus dem Auto und dann in den Wohnzimmersessel half. „Und wer gräbt jetzt die Beete um?“, meinte ich sie murmeln zu hören. Dann deutlich vernehmbar: „Ich lass dir mal Badewasser ein, du riechst.“ Na ja, wer geht schon erst mal duschen, wenn er gerade das Opfer einer Blutgrätsche geworden ist?

Okay, Vera wurde wieder milder, servierte ein Weizen und eine Käsestulle zur Ertüchtigung. „Aber jetzt ab in die Wanne!“ Als ich davorstand, mühsam die Treppe hochgehumpelt, befiel mich Ratlosigkeit. Wie sollte ich da hinein? Mich seitlich fallen lassen und einen Badezimmer-Tsunami auslösen? Wie überhaupt das linke Bein über den Wannenrand heben, wo ich doch rechts nicht auftreten konnte. Mit der Gehhilfe balancieren? Wenn es gelänge: wie den Verband vorm Durchweichen schützen und gleichzeitig das Bein hochlegen? Und wie wieder aussteigen?

„Veeraaaaa!“

Abends saßen wir am Küchentisch beim Abendbrot, ich gesäubert – aber fragen Sie nicht wie! – und brütend über dem unerfreulichen Tag, Vera ungehalten über all die sich abzeichnenden Unannehmlichkeiten. „Kurt muss her!“, rief sie schließlich.

Am nächsten Tag stand unser Sanitärkumpel vor der Tür, breit grinsend und mit einem schnieken Plastikhocker in der Hand. „Was willst du damit?“, fuhr ich ihn an. „Wie willst du denn sonst duschen mit deinem Humpelbein“, griente er. „Woher weißt ...?“ Sein Grinsen wurde noch breiter. „Na, die Aktion, wie Rubbo dich in den Rasen gerammt hat, ist Stadtgespräch. Hat Mario mir vorhin beim Bäcker erzählt. Und ich weiß ja, dass ihr immer noch in eurer Badewanne duschen müsst. So ...“, er schob mich sanft beiseite, „wo ist Vera? Wir planen dann mal euer neues Bad.“ Frecher Seitenblick. „Tauglich auch für alte Herren.“

Das ist vielleicht ein mieses Gefühl, sag’ ich Ihnen! Da entgeht man knapp dem Tode, humpelt hilflos durchs Haus, während die Gattin mit einem geschäftstüchtigen Freund einschneidende Umbauten plant, jeden Widerspruch rabiat erstickend. Umstürzler, kulturvergessenen Banausen! Meine schöne alte Badewanne, in der ich schon mit den Kindern, als sie ganz klein waren, geplanscht hatte! Außerdem war das Knie natürlich längst wieder heil, als der neue barrierefreie Badetempel fertig war.

Wie er geworden ist? Na, schön natürlich! Und praktisch. So ein Mist. Sonst hätte ich wenigstens noch stänkern können!

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